„Wie kann man nur so nett sein?"

Flitterwochen einmal anders: Gabriel (28) und Kyoko (34) haben während 25 Monaten Asien und Australien bereist und so manch Aussergewöhnliches erlebt. Ein Reisebericht.

„Im Juli 2009 haben wir in Japan traditionell geheiratet. Es lag dann nahe, von dort aus unseren Traum zu erfüllen: Ein Trip ohne Zeiteinschränkungen. Zu Beginn der Reise kannten wir weder die Dauer, die genaue Route noch die Transportmittel. Dass wir am Ende von den zwei Jahren auf Reisen 15 Monate im Fahrradsattel sitzen würden, hätten wir vorher auch nie gedacht. Denn mit dem Fahrrad zu reisen war eine komplett neue Erfahrung für uns. Wir haben aber so ziemlich alle Fortbewegungsmittel in den verschiedensten Ländern einmal ausprobiert: Bus, Zug, Schiff, Flugzeug, Rikschah, Motorrad, Minivan, zu Fuss, per Autostopp ...

Die Begegnungen und Eindrücke unterscheiden sich je nach Fortbewegungsmittel sehr. Und doch zog es uns immer wieder aufs Fahrrad. Daran hat uns vor allem die Unabhängigkeit gefallen. Du bestimmst selber wann du abfährst, wo du hälst und wie lange du bleibst. Und schliesslich war die Zeit, die wir auf dem Fahrrad herumreisten, mit Abstand die günstigste. Es gab Monate, da beliefen sich die Ausgaben auf weniger als 250 Franken pro Person.

Vari - Reisebericht Velo

Schlechte Strassen- und Witterungsverhältnisse stellten uns und das Material immer wieder auf die Probe, Fahrradprobleme haben uns viel Energie und Nerven gekostet. Vom Sandsturm in der Wüste bis zum Schneegestöber in den Bergen haben wir so ziemlich jede Wetterkonstellation erlebt. Gleichzeitig ist es aber auch das Fahrrad, das uns die schönsten Erlebnis beschert hat: Bei Tagesanbruch auf dem Fahrrad durch die frische Morgenluft fahren, die Landschaft an einem vorbeiziehen lassen im Wissen, dass wir ohne zeitliche Einschränkung planlos durch die Welt reisen können.

Mit dem Velo kommst du an Orte, wo nicht alle Tage ein Tourist aufkreuzt. Man sieht, wie die Leute leben und ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Viele Einheimische können zwar überhaupt nicht verstehen, wieso wir auf unseren Fahrrädern daherkommen, wo wir doch mehr als genug Geld hätten ein Zug- oder Busticket zu lösen. Und doch weckt man als Fahrradfahrer grosses Interesse und kommt schnell in Kontakt mit Einheimischen. Diese Begegnungen machen das Reisen erst interessant. In Russland wurden wir oft eingeladen. Was auch anstrengend sein kann, denn Vodka auf leeren Magen ist schwer verträglich. Die Gastfreundlichkeit in vielen Länder ist einfach unglaublich. Da wird man von wildfremden Leuten spontan zu Abendessen und Übernachtung eingeladen und fragt sich: Wie kann man nur so nett sein?

Vari - Reisebericht Gabriel und Kyoko

Wir haben oft im Zelt geschlafen - in freier Natur oder dann bei Leuten im Garten. Auch durften wir aussergewöhnliche Schlafmöglichkeiten nutzen, wie buddhistische Tempelanlagen, Kirchen oder Schulen. Über Webseiten wie Couchsurfing.org oder Warmshowers.org kommt man zu gratis Übernachtungsmöglichkeiten - und einem tollen Kulturaustausch. 

Reisen ist nicht gleich Ferien. Konflikte, Sprachbarrieren und Probleme im Alltag treten immer wieder auf. Visa-Schwierigkeiten, Zugverspätungen oder -ausfälle, Pannen oder Krankheit lassen sich aber mit einer positiven Einstellung und Flexibilität lösen. Unser Tipp: Nimm dir genügend Zeit und fixier dich nicht auf einen Plan, den du zu Hause in den eigenen vier Wänden zusammenstellst. Du wirst nämlich unzähligen Leuten begegnen, die dich für weitere Abenteuer, Ausflüge oder Ziele motivieren werden. Sowieso: Die schönsten Erlebnisse kommen unerwartet."

Aufgezeichnet von Jean-Luc Brülhart 

www.worldtripkyokogab.blogspot.com 

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